„Fast wie ein Déjà-Vu“

Interview mit Joan Mecsas zur COVID-19 Situation in Massachusetts, USA

20. April 2020

COVID-19: Auch Wissenschaftler sind stark von der Pandemie und den Gegenmaßnahmen betroffen. Wir haben mit unseren internationalen Kooperationspartnern Kontakt aufgenommen, um herauszufinden, wie sich die Situation auf ihre Arbeit auswirkt und wie sie mit der Krise umgehen.

Joan Mecsas von der Tufts University Boston hat 2019 ihr Sabbatical am MPIIB verbracht – im Interview spricht sie über die Maßnahmen in Massachusetts / USA und wie das Sabbatical sie auf die Kommunikation während der Quarantäne vorbereitet hat.

„In den USA hängt die Reaktion auf COVID-19 stark vom Bundesstaat und der Kommune ab. In Massachusetts sind auf jeden Fall seit dem 22. März alle nicht-systemrelevanten Firmen und Einrichtungen geschlossen. Schon in den zwei Wochen vor dem Shutdown gab es aber einen sehr deutlichen Rückgang ­– immer mehr Menschen haben von zu Hause gearbeitet. Ich fahre zum Beispiel immer mit der Bahn zur Arbeit, und in diesen zwei Wochen wurden es täglich weniger Menschen in der Bahn.

Die Tufts University – an der ich arbeite – hatte schon zu diesem Zeitraum beschlossen, dass die Labore schnellstmöglich heruntergefahren werden sollen und alle Arbeiten bis Freitag, den 20. März, beendet werden müssen. Die ganze Woche davor hatten wir überlegt, wie wir im Labor social distancing umsetzen können. Am Freitag kam dann aber der komplette Shutdown.

Das bedeutete, dass ich viele Mäusekolonien aussortieren musste. Wir machen auch viele Experimente mit Organoiden – deren Entwicklung dauert ein paar Wochen. Einige Organoide konnten wir einfrieren andere mussten wir wegwerfen, weil wir wussten, dass wir die Experimente nicht beenden können. Die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der gesamten Bevölkerung ist einfach zu wichtig, um unsere Arbeit fortzuführen. Wir hätten eine Sondergenehmigung für unsere Experimente beantragen können, aber das habe ich nicht in Betracht gezogen! 

Wir machen jetzt Gruppenmeetings online – auf dieselbe Art und Weise wie während meines Sabbaticals am MPIIB. Und einmal in der Woche haben wir ein lockeres Labortreffen, bei dem wir nicht viel über Wissenschaft reden – wir bringen uns einfach gegenseitig auf den neuesten Stand und versuchen viel zu lachen. Natürlich habe ich auch Einzelgespräche mit meinen Mitarbeitern. Am MPIIB habe ich Skype benutzt – jetzt benutze ich Zoom. Sonst ähnelt sich vieles.

Meine Meetings fangen nur nicht mehr wie in Deutschland um 15:30 Uhr an, sondern morgens um 9:30 Uhr. Ich bin jetzt in der gleichen Zeitzone wie alle anderen. In Deutschland hatte ich diese sechs Stunden, in denen hier alle geschlafen haben und ich in Ruhe arbeiten konnte.

Es fühlt sich manchmal wie ein Déjà-Vu an. Obwohl, als ich in Deutschland gelebt habe, war ich viel in Berlin unterwegs und mein Mann und ich sind durch ganz Europa gereist – das geht im Moment natürlich nicht.“

Joan Mecsas ist Professorin für Molekular- und Mikrobiologie an der Tufts University School of Medicine im US-amerikanischen Boston. Mit ihrer Forschung möchte sie herausfinden, wie bakterielle Krankheitserreger die Verteidigungssysteme von Wirten manipulieren, um Infektionen auszulösen. Der Fokus von Joan Mecsas’ Forschungsgruppe sind die Interaktionen zwischen bakteriellen Pathogenen, Schleimhautoberflächen des Wirts und der angeborenen Immunantwort. Die Wissenschaftlerin untersucht, wie die gramnegativen Bakterien der Gattungen Yersinia und Klebsiella mit Neutrophilen und Monocyten in Lungen- und anderem Gewebe interagieren.

Zur Redakteursansicht