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Südafrika im Kampf gegen Tuberkulose

Im Schlepptau der Immunschwäche-Krankheit Aids ist in vielen Gebieten Afrikas auch die Tuberkulose zurückgekehrt. Immer häufiger treten dort resistente Tuberkulose-Erreger auf, gegen die kein Medikament mehr wirkt. Stefan Kaufmann vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin arbeitet deshalb mit Hochdruck an einem neuen Impfstoff. Zwei Max-Planck-Forschungsgruppen, die ersten ihrer Art in Afrika, sollen dabei helfen, Ergebnisse aus der Grundlagenforschung schneller in die klinische Praxis zu übertragen.

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Bluttest für Tuberkulose

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Sie ist zusammen mit Aids eine der Infektionskrankheiten mit der weltweit höchsten Sterberate. Die Rede ist von Tuberkulose, an der jedes Jahr zwischen 1,5 und zwei Millionen Menschen sterben. Doch nicht jeder, der mit dem Bakterium infiziert ist, entwickelt auch eine Tuberkulose: Bei weniger als zehn Prozent der Infizierten bricht die Krankheit tatsächlich aus. Ein internationales Wissenschaftlerteam, an dem auch Forscher des Max-Planck Instituts für Infektionsbiologie in Berlin beteiligt waren, hat nun einen Tuberkulosetest entwickelt, der einen Ausbruch der Krankheit bei Infizierten zuverlässig voraussagen kann. Durch diesen Test können zukünftig Ärzte den Verlauf der Krankheit abschätzen und frühzeitig mit einer medizinischen Versorgung beginnen. [mehr]

Möglicher Durchbruch bei der Tuberkulose-Forschung am Horizont

Über ein Jahrhundert nach der Ankündigung eines vermeintlichen Wundermittels gegen die Erkrankung können Patienten jetzt auf neue Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten hoffen

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„Neues Mittel zur Bekämpfung der tödlichsten Krankheit! Mit dem Medikament kann die bestehende Krankheit geheilt und eine Neuerkrankung verhindert werden.“ Diese Schlagzeilen, erschienen vor 125 Jahren, rüttelten nicht nur Wissenschaftler und Mediziner auf, sondern auch die Öffentlichkeit. Schließlich war die Tuberkulose – um die handelte es sich nämlich – damals für fast 40 Prozent aller Todesfälle unter der arbeitenden Bevölkerung Berlins verantwortlich.

Autor: Stefan H. E. Kaufmann

Tuberkulose-Impfung in Südafrika Bild vergrößern
Tuberkulose-Impfung in Südafrika

Robert Koch, der Entdecker des Wundermittels, hatte bereits neun Jahre zuvor, genauer gesagt am 24. März 1882, die ansteckende Natur der Tuberkulose beschrieben. Das ist der Grund dafür, dass der 24. März zum Tuberkulose-Tag ausgerufen wurde. Aber das war nichts gegen das neue Wundermittel Tuberkulin. Glaubte man den ersten Berichten über die Heilung der Schwindsüchtigen, war es eine Erfolgsgeschichte ohne Gleichen. Zum Ende des Jahres wurden dann die Ergebnisse der klinischen Studien zu den Heilungschancen für Tuberkulose-Patienten veröffentlicht. Abrupt schlug die Euphorie in Enttäuschung um, denn die klinischen Studien belegten: Das Mittel wirkte nicht.

Bis vor kurzem hat sich seit damals nur wenig verändert. Zwar hatten die französischen Forscher Albert Calmette und Camille Guérin vor 95 Jahren einen Impfstoff entwickelt, den nach ihnen benannten Bacille Calmette-Guérin (BCG), und vor 75 Jahren entdeckte Salman Waksman mit Streptomycin das erste wirksame Medikament. Aber der Impfstoff schützt lediglich Kleinkinder vor schweren Krankheitsverläufen, und gegen Streptomycin sind viele Tuberkuloseerreger bereits resistent.

Muss uns das heute überhaupt noch kümmern? Ich denke schon, denn in den letzten 200 Jahren hat die Tuberkulose mehr als eine Milliarde Menschenleben auf dem Gewissen, mehr als alle anderen übertragbaren Krankheiten und mehr als Pocken, Malaria, Pest, Grippe, Cholera und AIDS im gleichen Zeitraum zusammen. Selbst heute gibt es keinen Krankheitserreger, der mehr Menschen tötet als der vergessene Tuberkuloseerreger, Mycobacterium tuberculosis. Trotz dieser erschreckenden Zahlen ist die Tuberkulose eine vergessene Krankheit, der die Spannung und der Medienrummel des Neuen fehlt, wie es bei Ebola und Zika der Fall ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Erreger immer öfter resistent gegen die eingesetzten Antibiotika sind. Bereits die Behandlung einer normalen Tuberkulose ist extrem aufwendig und langwierig. Bis zu vier Medikamente müssen über sechs Monate eingenommen werden. Dort, wo die Tuberkulose am weitesten verbreitet ist – in den ärmeren Ländern der Erde – ist häufig eine ordentliche Behandlung nicht gewährleistet. So können sich noch leichter Erreger entwickeln, die gegen mehrere Medikamente gleichzeitig resistent sind.

Da könnte man meinen, dass das Ziel der Weltgesundheitsorganisation viel zu ehrgeizig ist, die Krankheitsfälle pro Jahr von heute 9,6 Millionen auf weniger als eine Million und die Zahl der Todesfälle von heute 1,5 Millionen auf 75.000 Fälle im Jahr 2035 zu verringern. Dieses Ziel ist tatsächlich ambitioniert, aber trotzdem nicht ganz unrealistisch.

Knapp 100 Jahre lag die Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Tuberkulose brach. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts nahm sie wieder Fahrt auf. Heute können wir die ersten Früchte dieser Anstrengungen ernten. 2014 wurden zwei neue Medikamente zur Behandlung zugelassen – zwar nicht für den generellen Gebrauch, aber doch zur Behandlung multiresistenter Stämme, wofür sie auch am meisten benötigt werden. Fünf weitere Medikamente und mehrere neue Kombinationen aus Medikamenten stehen derzeit kurz vor einem Abschluss der klinischen Prüfungen. Die Pipeline für Tuberkulose-Medikamente ist also jetzt sehr viel besser gefüllt.

Auch in der Diagnostik hat sich einiges getan. Mit dem GeneXpert-System kann nun sehr rasch mit Hilfe molekulargenetischer Methoden nicht nur der Erreger diagnostiziert werden, sondern auch seine Resistenzen analysiert werden. So kann jetzt mit der geeigneten Therapie schon nach wenigen Stunden begonnen werden. Der GeneXpert zeigt dann die besten Ergebnisse, wenn Erregermaterial vom Patienten gewonnen werden kann. Dies gelingt bei der häufigsten Form, der Lungentuberkulose, in der Regel gut. In Fällen, die nicht die Lunge betreffen – etwa 20 Prozent aller Erkrankten – klappt es allerdings nicht.

Auch der sogenannte Tuberkulin-Test, der ursprünglich von Robert Koch entwickelt wurde, hilft da nicht weiter, denn er unterscheidet nicht zwischen Erkrankten und Gesunden, die infiziert sind. Mehr als zwei Milliarden Menschen auf der Erde sind infiziert, ohne an der Schwindsucht zu erkranken. Die aktive Tuberkulose tritt lediglich bei knapp zehn Prozent aller Infizierten zu Tage.

Als Lösung bieten sich sogenannte Biomarker-Tests an, für die Blutzellen verwendet werden.  Bald werden Mediziner mit Hilfe solcher Biomarker die Krankheit nicht nur diagnostizieren können, sondern sie sogar prognostizieren. Mit anderen Worten: Wir können nicht nur Erkrankte von Gesunden unterscheiden, sondern auch, ob ein infizierter Gesunder ein hohes Risiko hat, aktive Tuberkulose zu bekommen oder nicht. Ganz ähnlich wie die Biomarker zur Diagnose verschiedener Krebsformen genutzt werden können, so können nun auch Menschen mit erhöhtem Tuberkulose-Risiko identifiziert werden. Durch eine anschließende Präventivtherapie mit Medikamenten kann dann verhindert werden, dass diese Risikopersonen schwindsüchtig werden. Da  sie so auch nicht ansteckend werden, kann auch das Ausbreitungsrisiko deutlich gesenkt werden.

Auch die Impfstoffforschung und Entwicklung kann auf eine gut gefüllte Pipeline mit mehr als ein Dutzend Kandidaten in unterschiedlichen Phasen der klinischen Erprobung blicken. Zwei Kandidaten werden derzeit auf Impfschutz getestet, und noch in diesem Jahr soll in Indien ein neuer Impfstoff in die letzte Phase der klinischen Prüfung eintreten. In dieser Studie soll untersucht werden, ob nach medikamentöser Heilung ein neuer Krankheitsausbruch verhindert werden kann. Die medikamentöse Behandlung der Tuberkulose führt zwar generell zur Heilung, bei jedem Zehnten der als gesund entlassenen Patienten kommt es jedoch zu einem Rückfall. Die neue Studie soll nun feststellen, ob der Impfstoff dies verhindern kann. Sollte das klappen, wäre das ein entscheidender Durchbruch!

Diese neuen Entwicklungen sind erfreulich und wecken seit langem erstmals wieder etwas Hoffnung, dass wir die Tuberkulose zu Anfang des 21. Jahrhunderts doch noch in den Griff kriegen könnten.

 
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