Lieber B-Zellen als Patente

Lieber B-Zellen als Patente

Ein Interview mit der MPIIB-Alumna Hedda Wardemann

8. Mai 2019

Das Immunsystem kann Freund von Feind klar unterscheiden: Pathogene Mikroorganismen bekämpft es meist sehr effizient. Gesundes Gewebe lässt es hingegen in Ruhe. Normalerweise. Denn manchmal schlägt das Immunsystem härter zu als nötig, zum Beispiel bei Allergien. Bei Autoimmunerkrankungen greift es sogar den eigenen Körper an und gegen manche Pathogene – wie zum Beispiel das Immundefizienz-Virus (HIV), Malariaparasiten oder etwa den Tuberkuloseerreger – kommt es nicht verlässlich an.

Welche Mechanismen hier am Werk sind und wie das Immunsystem uns effizient schützen kann, steht im Mittelpunkt von Hedda Wardemanns Interesse. Die Wissenschaftlerin erforschte Autoimmunerkrankungen – unter anderem als Assistant Professor in New York –, bevor sie 2006 als Leiterin einer Nachwuchsforschungsgruppe ans Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie nach Berlin wechselte. Seit 2014 untersucht sie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) unter anderem, wie sich das Immunsystem gegen Krebszellen im eigenen Körper mobilisieren lässt. Im Interview erzählt sie von den Herausforderungen, die eine eigene Forschungsgruppe mit sich bringt, und dass sie um ein Haar Patentanwältin geworden wäre.

Frau Wardemann, von 2006 bis 2014 haben Sie in Berlin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie geforscht. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

In Berlin hatte ich eine unabhängige Max-Planck-Forschungsgruppe. Wir waren wirklich eigenständig, konnten alles frei entscheiden, hatten niemanden, der uns irgendetwas vorgab. Das erfordert natürlich, dass man Verantwortung übernimmt. Das habe ich damals gelernt.

Inhaltlich hat mich als Immunologin vor allem die Infektionsforschung am Max-Planck-Institut weitergebracht: Wir haben uns in Berlin mit Malaria beschäftigt. Das Thema war dort bereits etabliert; wir wurden gut vernetzt und erhielten dadurch Zugang zu Proben. Davon profitiere ich noch heute, denn die Frage, wodurch schützende Immunantworten charakterisiert sind, ist immer noch eine Hauptforschungslinie in meinem jetzigen Labor am DKFZ. Und auch mit dem Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin haben wir noch immer eine enge Kollaboration zum Thema Immunantworten in Malaria.

Was war beim Aufbau Ihrer eigenen Forschungsgruppe in Berlin die größte Herausforderung?

Als Postdoc oder auch als Assistant Professor ist man in eine Abteilung integriert. Und da ist die ganze Infrastruktur bereits vorhanden. In Berlin musste ich erst alles aufbauen, bin also ins kalte Wasser gesprungen – natürlich auch, weil das in Deutschland anders funktioniert als in den USA. Das System kannte ich noch nicht. Das war alles neu für mich und eine ganz andere Art von Herausforderung als die, die ich aus der Forschung kannte.

Wann stand für Sie eigentlich fest, dass Sie Wissenschaftlerin werden wollen?

Ich glaube, das ist mir am Anfang meiner Postdoc-Zeit in New York klargeworden. Am Ende meiner Promotion in Freiburg war ich nicht sicher, ob ich in der Wissenschaft bleiben wollte. Ich spielte mit dem Gedanken, vielleicht Patentanwältin zu werden. Dann habe ich es aber doch mit einer Postdoc-Stelle im Ausland versucht. Und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Außerdem hat New York ein gigantisches Forschungsumfeld. Ich glaube, da wusste ich, dass ich das weitermachen wollte.

Und was hat Sie dazu bewogen, New York den Rücken zu kehren und nach Berlin ans Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie zu gehen?

Nach Deutschland zurück wollte ich wegen der Familie. Da ich mich schon vorher für die Infektionsforschung interessiert habe, erschien mir das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie der ideale Ort. Ich kam ja mit dem Blickwinkel einer Immunologin an dieses Institut, das bisher hauptsächlich an Krankheitserregern geforscht hatte. Hier die B-Zell Immunologie als ein neues Forschungsfeld aufzubauen, war eine spannende Aufgabe.

Und Berlin war das richtige Umfeld dafür: Das MPI ist an das Deutsche Rheumaforschungszentrum gekoppelt; die Kliniken der Charité liegen direkt auf dem Campus; die Stadt ist attraktiv für junge Leute und es gibt die internationale Doktorandenschule am Max-Planck. Hier konnte ich sehr gut junge Wissenschaftler rekrutieren.

Als Sie nach Berlin kamen, hatten Sie eine spezielle Methode im Gepäck, die Sie während Ihrer Zeit in New York entwickelt haben. Was war das genau?

Das war eine Methode zur Amplifikation und Sequenzierung von Antikörpergenen auf Einzelzellebene: Aus dem Blut oder aus Organen von Menschen isolieren wir die B-Zellen, die Antikörper herstellen. Jeder dieser Antikörper wird von zwei Genen kodiert, die wir kennen müssen, um ihn herstellen zu können. Jede Zelle benutzt andere Gene und muss deshalb einzeln isoliert und untersucht werden.

In Berlin haben wir dann von der Max-Planck-Gesellschaft Fördergelder bekommen und konnten die Methode in ein Hochdurchsatzformat umbauen: eine Roboterplattform, mit der wir uns die Antikörper-Geninformation von vielen Zellen parallel anschauen können. Die Plattform unterstützt uns beim Pipettieren und kombiniert unsere Genamplifikationsstrategie mit neuen Sequenziermethoden. Anstelle von vielleicht hundert können wir damit heute fünftausend Zellen parallel anschauen und dementsprechend auch mehr Antikörper produzieren. Die können dann als passiver Impfstoff oder als therapeutische Antikörper eingesetzt werden. Zum Beispiel gegen Malariaparasiten oder in der Krebstherapie.

Das Interview führte Kai Dürfeld

Foto: Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)/Jutta Jung

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