„Die Begeisterung steht im Mittelpunkt“

21. November 2019

Matthieu Domenech de Cellès leitet seit Oktober die neue Forschungsgruppe „Infectious Disease Epidemiology“ am MPIIB. Für seinen Forschungsansatz will der Mathematiker Modelle entwickeln um zu ergründen, wie individuelle Infektionsmechanismen zu einer Infektionsdynamik auf Populationsebene beitragen. Matthieu Domenech de Cellès sprach mit uns über seine ersten Wochen am MPIIB, seine zukünftigen Forschungspläne und die Bedeutung flächendeckender Impfungen im Kampf gegen Infektionskrankheiten.


Dr. Domenech de Cellès, Sie sind seit Oktober am MPIIB. Was haben Sie sich für Ihre ersten Monate hier vorgenommen?

Mein Einstieg und die ersten Wochen am Institut liefen sehr rund. Ich konnte direkt loslegen – ich habe das Glück, dass ich für meine Arbeit nicht viel mehr brauche als einen Computer und IT-Infrastruktur. Anders als beispielsweise Igor Iatsenko musste ich kein komplettes Labor einrichten. Aktuell arbeite ich daran, meine Forschungsvorhaben auszuformulieren, um dann mein Team zu rekrutieren.

Parallel dazu treffe ich mich mit Kolleg*innen, um Kooperationen für meine zukünftigen Forschungsprojekte anzustoßen und mich mit dem Campus der Charité vertraut zu machen. Außerdem bin ich mit Kolleg*innen am Robert Koch-Institut in Kontakt, da ich für mein Projekt epidemiologische Daten brauche, anhand derer ich mathematische Modelle erstellen und meine Hypothesen überprüfen kann.

Was war Ihre Hauptmotivation für eine Bewerbung am MPIIB?

Ich muss gestehen, dass ich das MPIIB noch gar nicht kannte, als ich letztes Jahr die Stellenausschreibung gesehen habe. Zuerst dachte ich, dass hier vor allem klassische biologische Grundlagenforschung betrieben wird, aber in der Ausschreibung wurde ein breites Spektrum an Fachgebieten rund um die Infektionsbiologie angesprochen. Ich bin Mathematiker und interessiere mich sehr für Infektionen. Dennoch war ich nicht sicher, ob ich mit meinem mathematischen Hintergrund eine Chance habe, aber es hat geklappt. Und seit ich am MPIIB bin, ist mir klargeworden, dass hier viele Wissenschaftler mathematische Ansätze nutzen – es können sich also viele Möglichkeiten für Kooperationen ergeben.

Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Rolle als Forschungsgruppenleiter?

Zuerst hat mich der der Gedanke an meine Führungsrolle etwas verunsichert. Ich habe schon als Post-Doc Studenten angeleitet, aber das hier ist doch anders. Um mich auf meine neue Rolle vorzubereiten besuche ich Seminare und lese Fachbücher. Für mich ist das wirklich spannend, weil ich an einem Punkt bin, an dem ich meine eigenen Ideen umsetzen kann. Und dafür brauche ich ein gutes Team!

Gab es etwas, das Sie am Leben in Berlin überrascht hat?

Bisher gefällt mir Berlin sehr gut, aber allzu überrascht bin ich nicht. Berlin ist eine europäische Großstadt und ich finde, dass sie sich gar nicht so sehr von Paris unterscheidet. Natürlich sind manche Dinge anders: Die Menschen hier sind sehr freundlich, und die Stimmung ist entspannter als in Paris. Außerdem kann man sich überall gut auf Englisch verständigen. Das ist einerseits praktisch, hat aber andererseits den Nachteil, dass ich selten dazu komme, mein Deutsch zu verbessern. Ich fühle mich sehr wohl in Berlin, ich mag die Stadt sehr und genieße ihre Lebendigkeit.  

Wie sah Ihre Laufbahn bisher aus?

Ich habe einen naturwissenschaftlich-technischen Background: Ich habe meinen Abschluss an einer französischen Ingenieurshochschule gemacht, wo ich Mathematik und Physik studiert habe. Promoviert habe ich am Institut Pasteur in Paris. Dort habe ich mich erstmalig mit der Epidemiologie von Infektionskrankheiten beschäftigt. In meiner Dissertation ging es um die Entwicklung mathematischer Übertragungsmodelle, anhand derer sich die Ausbreitung von Infektionskrankheiten verstehen lässt. Forschungsschwerpunkt waren Antibiotika-Resistenzen und Impfungen, insbesondere die Wirksamkeit und Effizienz von Impfstoffen.

Nach der Promotion hatte ich eine Post-Doc-Stelle an der University of Michigan, wo ich mich zwei Jahre lang mit der Epidemiologie von Pertussis, dem Keuchhusten, beschäftigt habe. Es gibt Schutzimpfungen gegen diese Krankheit, doch in einigen Ländern, darunter auch die USA, steigt die Zahl der Keuchhustenfälle an. Ich wollte verstehen woran das liegt. Darum habe ich im Rahmen meiner Post-Doc-Stelle mathematische Modelle entwickelt um zum besseren Verständnis dieses Wiederauftretens beizutragen

Anschließend war ich als Post-Doc am Institut Pasteur, wo ich angefangen habe, Pneumokokken zu erforschen. Diese Erreger verursachen eine Reihe von Krankheiten, darunter auch Lungenentzündung und Meningitis bei Kindern. Mich hat insbesondere die Saisonabhängigkeit von Pneumokokken-Infektionen interessiert. Ich wollte wissen, wie und warum diese Infektionen zu bestimmten Jahreszeiten auftreten. Es gibt in Deutschland und Frankreich einen Höchststand an Erkrankungen im Winter und die genauen Gründe für dieses saisonale Auftreten sind nicht ganz klar. Auch hier habe ich mathematische Modelle genutzt, um zum Verständnis dieses Phänomens beizutragen.

Liegt das denn nicht einfach daran, dass unser Immunsystem im Winter wegen der Kälte geschwächt ist?

Das ist nur eine der Hypothesen, die sich vor allem auf den menschlichen Wirt beziehen. Es könnte auch sein, dass die Kälte das Überleben des Erregers begünstigt. Es gibt beispielsweise Studien, die belegen, dass einige Viren in kaltem Klima länger überleben. Andere Hypothesen gehen davon aus, dass das menschlichen Verhalten einen großen Einfluss hat. Beispielsweise haben Kinder während der Schulzeit mehr Kontakt untereinander, was zu einer erhöhten Übertragungsrate führen kann. Es gibt alle möglichen verschiedenen Hypothesen, die in ein Modell einbezogen werden müssen, wenn man wirklich verstehen will, was dort passiert. Und genau das will ich mit meiner Forschung erreichen.  

Letztlich geht mein Forschungsinteresse auf meine beiden Post-Doc-Projekte zurück. Ich interessiere mich für Impfungsepidemiologie und Impfstoffwirksamkeit und ich möchte die Saisonbedingtheit von Infektionskrankheiten erforschen.

In der Biologie gibt es einen Trend zur Modellierung …

Ja, das kann unterschiedliche Formen annehmen: Big Data und der Einsatz von KI zu Forschungszwecken sind zurzeit in aller Munde. Da geht es eher um die statistische Seite, man nutzt statistische Methoden, um aus sehr großen und komplexen Datensätzen Informationen zu gewinnen. Vielleicht werde ich diese Methoden in Zukunft auch anwenden, momentan bin ich aber noch dabei, anhand von mathematischen Modellen zu ergründen, wie Systeme funktionieren – ich stelle Gleichungen auf und analysiere, welchen Einfluss verschiedenen Variablen aufeinander haben. Es gibt allerdings immer mehr Wissenschaftler, die mit sehr komplexen mathematischen und statistischen Verfahren biologische Forschung betreiben. Ich bin gespannt welchen Fortschritt wir in den kommenden Jahren auf diesem Gebiet machen werden.  

Wie denken Sie über Impfgegner? Werden dadurch Ihre Modelle beeinflusst?

Ja, Impfgegner haben definitiv einen Einfluss auf unsere Modelle! Das ist ein großes Problem, und es wird viel dazu geforscht, warum sich Menschen gegen das Impfen entscheiden. Manche scheinen nicht zu erkennen, welche Gefahr von vielen der Krankheiten ausgeht, die sich durch Impfungen verhindern lassen. Ich würde gerne genauer erforschen, welche sozialen Determinanten zur Impfskepsis führen. Zuerst dachte ich, das sei ausschließlich ein Problem der USA, doch es nimmt auch in Europa immer stärker zu. Es gibt Gruppen von Impfgegnern in Frankreich, und wie ich gehört habe, besteht das Problem auch in Berlin. In Frankreich kam es vor Kurzem zu einem massiven Wiederauftreten von Masern. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Impfquoten gesunken sind. Es wurde daher eine gesetzliche Impfpflicht für elf Kinderkrankheiten beschlossen. Den Bürgern muss klargemacht werden, wie wichtig eine hohe Impfquote ist: Wenn man mit dem Druck auf eine Krankheit nachlässt, wird sie zurückkehren!

Was gefällt Ihnen persönlich am besten an der wissenschaftlichen Forschung?

Für mich steht die Begeisterung im Mittelpunkt! Es gibt dabei zwei Phasen: Die erste kommt mit der zündenden Idee für ein Forschungsprojekt. Das allein ist schon sehr aufregend. Die zweite Phase dauert wesentlich länger. Man überprüft seine Ideen, wieder und wieder, oft mit negativem Ergebnis – aber dann kommt dieser Moment, wenn etwas doch funktioniert. Dann weiß man, dass man auf etwas sehr Bedeutendes gestoßen ist. Das ist die zweite Phase der Begeisterung, und die ist sehr, sehr cool. Es geht für mich darum, sich für die Forschung zu begeistern und die Aufregung zu spüren, wenn man Neues entdeckt.

Das Interview führte Christian Denkhaus.

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